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Der spielt ja mit Puppen!

 

Jarnoth ist in der Berliner Kunst- und Kulturszene fast so einzigartig wie das Berghain im Nachtleben der Hauptstadt. Nicht geschmeidig, nicht leichtverdaulich, Mainstream schon gar nicht, aber dennoch von einer kaum zu brechenden Faszination. Der Künstler aus dem Ruhrgebiet stellt Puppenspiel auf eine komplett andere Bühne, als es die meisten von uns aus Theater und Fernsehen kennen – und das mit großem Erfolg.

Puppenspiel als Kunst ist nicht gerade Mainstream. Wie bist du bei der Puppe gelandet bzw. die Puppe bei dir?
Ja, richtig. Puppenspiel ist nicht wirklich im Mainstream, und zum Studium kam ich über viele Umwege. Mit 12 war mir klar, dass ich auf die Bühne wollte, und zwar im Musical. Mit 16 Jahren bin ich dann durch Zufall ans Essener Opernhaus gekommen und habe ein anderes Verständnis von Musik bekommen. Da fand ich Musical plötzlich nicht mehr so cool, auch angesichts der Tatsache, dass meine Stimme tief ist und ich mir Hauptrollen abschminken konnte. Ich bin im Anschluss nach Berlin gegangen und habe Schauspiel studiert. Dabei ist mir aufgefallen, dass man aufgrund seines Typus in ein bestimmtes Rollenfach gesteckt wird. Da dachte ich nur: „Hä, ich werde wegen meiner homosexuellen Neigung schon so oft in Schubladen gesteckt, das möchte ich nicht auch noch im Beruf haben." Daraufhin habe ich das Studium abgebrochen, folgte einer 4-monatigen Ausbildung beim Bestatter, die ich ebenfalls abbrach. Danach standen nur noch zwei Optionen im Raum: Tanztheater an der Folkwang, aber das hätte wieder eine Rückkehr nach Essen bedeutet, oder Puppenspiel an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Ich habe nach einem Ausdruck gesucht, wo mein Wesen/Aussehen nicht im Vordergrund steht. Dann kam die Zusage von der Busch. 

Die darstellende Kunst war seit jeher Übertragungsmedium von Gefühlen, Erfahrungen, aber auch von politischen Inhalten. Wie sehr fließen aktuelle politische Themen in deine Performance ein?
Eigentlich möchte ich nicht politisch sein, aber aufgrund meines Verhaltens und der Themen, die ich aufgreife, wird es mir oft zugeschrieben. Man kann ja nicht nichts Unpolitisches machen, denn man findet immer einen Bezug zur aktuellen Zeit. Ich habe eine Kompanie namens RAUM 305 mit zwei Freunden, wo wir Akrobatik, Tanz und Puppenspiel kombinieren. In unserem ersten Stück „WIR WOLLEN NIE NIE NIE" geht es um die Trennung von zwei Wesen. Das Setting: Wir tragen Glatzen und weiß geschminkte Gesichter. Im Stück tragen wir lange schwarze Gewänder, und der Bühnenraum ist zeitlich nicht definiert. Seit anderthalb Jahren sind wir im Publikumsgespräch und erhalten Fragen wie: „Ah, zwei Männer in Kleidern. Geht es bei euch um queere Identität?" Das war nie unsere Absicht und wird es auch nicht sein. Uns ging es immer um das Zerbrechen der Zwei, um das Zwischenmenschliche. Alles andere interessiert mich nicht. Dabei überkommt mich immer wieder das beruhigende Gefühl, dass Interpretation erstmal nur Interpretation ist.

Du begibst dich selbst in Make-Up und Outfit auf der Bühne. Damit ist nicht nur die Puppe Zentrum der Aufmerksamkeit sondern auch du. Ist dein Queersein daran stark beteiligt?
Seitdem ich auf der Bühne stehe, bemale ich mich und ziehe die Sachen an, die ich als schön empfinde. Dabei bekommt man von außen schnell Label wie Drag, Queer oder aktuell ganz neu Trans. Dabei läge mir nichts ferner, als mich mit solchen Worten zu beschreiben. Denn Identität ist für mich die Wurzel allen Übels. Und diese Worte beschreiben nicht im Ansatz, was ich wahrnehme, geschweige denn fühle. Es scheint, dass es letztendlich meine Persönlichkeit ist.

Welches Publikum findet sich vorrangig bei deinen Auftritten ein?
Dadurch, dass ich in der Club- und Hochkultur unterwegs bin, kann ich das gar nicht so genau sagen. Was mir jedoch auffällt, ist, dass die Leute in der Clubszene sich oft von bestimmten gesellschaftlichen Normen freisprechen möchten, dabei aber im zelebrierten Ausdruck oft viel biederer wirken als das Opernpublikum.

Wo möchtest du in Zukunft hin?
Ist mir egal, die Hauptsache ist, dass der Humor den Ernst durch die Zukunft führt und die Leute wieder anfangen, über sich selbst zu lachen. Schließlich ist das die beste Art, um mit den Überraschungen des Lebens klarzukommen.

 

Danke Jarnoth. Lass sie tanzen!

 

 

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