Bildinfo
Unter der Dusche (1964)
© Bild: Privatsammlung Berlin und Schloss Biesdorf
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Freie Körper und ostdeutscher Alltag

Wenn ein Künstler die ostdeutschen Sehgewohnheiten geprägt hat, dann Jürgen Wittdorf. Der Grafiker, Jahrgang 1932, war wie viele seiner Generation der Spießigkeit und dem staatlich verordneten Bitterfelder Weg müde, und entwarf eine eigene Bildsprache: Sein realistischer Blick auf die erste Nachkriegsgeneration, die Freiheit und Popkultur nachahmte, setzte er den ersten Teenagern der DDR ein Denkmal und machte den Leipziger Künstler schon in seinen Zwanzigern landesweit berühmt. Die Holzschnitte seines Zyklus „Für die Jugend“ wurden als Kunstmappe ein unerwarteter Bestseller, und die Holz- und Linolschnitte seines Zyklus „Jugend und Sport“ brachen in der piefigen DDR alle Regeln, vor allem die Darstellung junger Männer. Dass der schwule Künstler hier homoerotische Kunst erschaffen hatte, wurde weder zensiert noch thematisiert, und so arbeitete er als Illustrator bis zum Mauerfall unter großem Ansehen. Sein einzigartiger Stil stieß im vereinten Deutschland wieder auf Spießigkeit, und so ereilte ihn das Schicksal vieler ostdeutscher Kunstschaffender und geruet in Vergessenheit. Wittdorf starb 2018.

Als Meister des queeren Blickes feiert ihn derzeit die Ausstellung im Schloss Biesdorf: Anlässlich seines 90. Geburtstages spiegelt eine Retrospektive sein umfangreiches Schaffen und ein Künstlerleben wieder. 

Retrospektive bis 10. Februar 2023
Schloss Biesdorf
Alt Biesdorf 55
12683 Berlin-Biesdorf
www.schlossbiesdorf.de

 

Freundschaftsfoto (1964)
© Bild: KVOST und Schwules Museum Berlin
Parisurteil (1961)
© Bild: KVOST und Schwules Museum Berlin
Baubrigade der Sportstudenten (1964)
© Bild: KVOST und Schwules Museum Berlin