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Travel-Tussi –
Jackys Trip-Tipps

Zwischen Kunst, Schmäh und Wurst: Im Seidenstrumpf durch Wien

In jeder Travel-Tussi hab ich für euch ja nicht nur hardcore Homo-Kultur in der Handtasche, sondern auch immer Kulinarik. Und wo kann besser geschmaust werden als in Wien? Hm, Italien fällt mir ein, oder halt Frankreich. Aber dort war ich ja gar nicht. Und deshalb musste die österreichische Küche herhalten. Aber ich liebe Wien. Dass das nicht nur am Essen liegt, könnt ihr euch sicherlich denken: Die Architektur, der unfassbare Charme des Wiener Schmähs, die Nähe zu den Alpen, die Männer, die Kaiserin… der Seidenfaden des Wohlgefallens möchte einfach nicht abreißen. Und da bin ich nicht die Einzige, der das so geht. Mittlerweile dürften es alle mitbekommen haben: Wien ist, nach Umfragewerten, die lebenswerteste Stadt der Welt. Was es Lebenswertes für Queers in Wien gibt, habe ich mir zusammen mit meiner guten Freundin Gisela Sommer für euch angeschaut.

Nicht jeder Tag muss zwingend mit einem Glas Tussibrause zum Frühstück beginnen, der unsrige tat dies jedoch, und zwar im Eduard. Frühstück, Brunch und noch mehr auf Österreichisch, mit internationalem Touch versehen, genau nach unserem Geschmack. Das modern gestaltete Restaurant, in einer ruhigen Seitenstraße gelegen, bietet nicht nur Sommers einen Außenbereich, sondern im Inneren das ganze Jahr über einen offenen, lichtdurchfluteten und großzügigen Speisebereich. Beim Betreten grüßt nicht nur die Intersex-Inclusive-Pride-Progress-Flag, sondern auch abstrakte Malerei an den Wänden und ein Personalstab, bei dem sich eine Sexbombe mit der nächsten abwechselt. Gisela und ich kamen weder aus dem Gucken, noch aus dem Essen-gut-finden heraus. Zum Glück gab es das bereits erwähnte Glaserl Brut. Damit konnten wir uns wieder zur Besinnung und gleich auch in Schwung für die erste Travestieaufgabe des Ausflugs bringen.

Tausendsasserin und queere Multikünstlerin Lulu Schmidt lud zur Ausstellung ihrer Werke ins Wiener Rathaus. Was für Werke, fragt Ihr euch jetzt sicherlich? Ich mich, wenn ich ehrlich bin, auch immer noch ein bisschen. Auf der einen Seite leicht und dann aber doch nicht so einfach zu beschreiben. Zusammengefasst sind es groß- und kleinformatige Malereien, aber nicht irgendwelche Pinselstriche, nein. Zunächst hat Frau Schmidt selbst erstellte Fotografien in eine Rechnerin eingespeist, via A.I. neu interpretieren und diese dann, von einem Ghostpainter, zurück auf Leinwand und Karton bannen lassen. Entstanden sind amorphe Darstellungen. In meinen Augen intensive Crossovers zwischen Mythologie und Glauben, purer Körperlichkeit u.a. auch der gleichgeschlechtlichen Liebe, natürlicher Zerbrechlichkeit von filigranen Extremitäten, die die Suche nach Ewigkeit andeuten. Ich persönlich konnte mich fürwahr nicht satt sehen. Ihr habt Lust, euch selbst entführen und kreativ befruchten zu lassen? Dann schlagt zu. Noch bis zum 15. Jänner im Wiener Rathaus oder natürlich auch via Youtube in jedem Internet, auch in eurer Nähe. 

 

Nach der Travestie ist ja bekanntlich vor der Travestie, aber zuvor musste ganz dringend noch eine Stärkung her. Deshalb hab ich mir Input bei einer wahren österreichischen Legende geholt: Conchita Wurst. Ihr Tipp war das Savoy am Naschmarkt, eine der ältesten, hauptsächlich schwulen Locations der österreichischen Hauptstadt. Der Klang des Namens hat schon was Erhabenes, und genau so erhaben, fast prunkvoll, wie der Name klingt, ist auch die Ausstattung des mit Historismus, riesigen Spiegeln und Kronleuchtern vollgestopften Ecklokals. Ob dies oder die moderaten Preise für wirklich stattliche Portionen das Geheimnis für den jahrzehntelangen Erfolg dieser Institution sind, ist ungewiss. Was aber mit Sicherheit belegt werden kann: Eine Tischreservierung bietet sich wahrhaftig an (der Laden ist um jede Uhrzeit stets gut besucht und wer spontan vorbeischaut und nicht gerade Vitamin B hat – danke Dominik – muss eben auf ein freies Platzerl warten). Und das lohnt sich, denn die wechselnden Köstlichkeiten der Kuchenvitrine und das Personal sind immer einen Blick wert.

Vollgestopft bis zum Platzen des kleinen Schwarzen schubste ich mich dann aber doch vor dem Spiegel zurecht, Gisela indes hat sich für einen Nieren-Blasen-Tee und ihre Blutdrucktabletten entschieden. Ab ins Werk, denn KEN ruft: Eigentlich eine dunkle Underground-Location im Norden Wiens, die vorrangig mit Technoklängen bespielt wird, lockte diesmal jedoch mit einer adretten Mischung aus Pop und House von DJ Shane, Mart.i et moi. Zu späterer Stunde gab es dann härteres Elektrogeschrammel von Toni Bauer und Alessandro Caruso. Kurzum gesagt, war für jede Tanzmaus der richtige Käsewürfel dabei. Ein wirklich schmucker Laden, gerade erst mit neuer Anlage aufpoliert und nicht nur des Sounds wegen einen Besuch wert. Das hausinterne Personal am Tresen herzig, die Künstler*innenbetreuung aufmerksam, wirklich ein tolles Team. Scheint so, als hätte Veranstalter DJ Shane nicht nur ein gutes Händchen bei der Künstler*innenauswahl, sondern auch bei den Locations und wohl auch beim Konzept. Im Februar feiert KEN den 11. Geburtstag in der Kaiserinnenstadt und hat vor dem Werk bereits die ein oder andere Wiener Institution mit queerem Glamour übergossen, so unter anderem den Prater Dom, Camera oder auch Club Auslage. 

Fein warst du zu mir, Wien. Da kannst du machen, was du willst. Ich komme wieder. Und wie sogt mer in Wien: Bussi Baba.

PINKDOT freut sich über die queere Nachbarschaft.

Frühstückchen im Eduard
kleines Häppchen im Savoy
Savoy
Gisela Sommer im Savoy
Jacky-Oh Weinhaus im KEN Club