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Doll Haus
© Bild: Elias Hartmann
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Es ist genug Travestie für Alle da

Seit der ersten Staffel von Drag Race Germany und den beiden erst- und zweitplatzierten Pandora Nox und Metamorkid aus Wien ist Travestie und Drag wieder in aller Munde. Vor allem auch in der österreichischen Hauptstadt. Zusammen mit ihren Showkolleg*innen Philisha Conditioner, Ryta Tale und Grazia Patricia haben sie im letzten Jahr das Projekt Doll Haus mit ihren High-Heels aus dem Boden gestampft. Die fünf sind auf der glitzernden Karriereleiter gerade steil nach oben unterwegs – trotz oder gerade wegen der aktuellen Schieflage der Drag-Race-Franchises? Ich hab die Girlgroup zum Interview gebeten.

 

Die Wiener Puppenstube. Wer genau seid ihr?
Meta: Wir sind fünf Drag-Sternchen, die hauptberuflich in Wien Drag machen. Wir kennen uns schon seit einigen Jahren und nach der Zusammenarbeit an verschiedenen Projekten haben wir mit „Doll Haus" erstmals ein gemeinsames Projekt gestaltet.
Grazia: Wir haben bewusst den Ausdruck Sternchen gewählt. Nicht aus Bescheidenheit, aber wir hassen es alle gleichermaßen, wenn sich jemand als „die Beste” bezeichnet. Funfact: keine von uns kommt aus Wien. Hier treffen sich Steiermark, Burgenland und Oberösterreich – drei der schönsten Bundesländer.
Philisha: Pandora und ich kennen uns bereits seitdem wir 13 waren, haben früher viel zusammen getanzt, unter anderem an Meisterschaften teilgenommen und waren damit bereits sehr erfolgreich. 2016 kam dann Drag dazu: Philisha Conditioner wurde geboren. Ich bin nicht nur Friseur sondern auch Tänzer. Somit kann ich meine Liebe zu Echthaarperücken und auch Fashion wundervoll mit Tanz kombinieren.
Pandora: Wir sind sowas wie die Bremer Stadtmusikanten, nur eben aus Wien. 

Seit wann gibt es euch? Welches Konzept steckt dahinter?
Grazia: Doll Haus feierte im Oktober 2023 Premiere. In dieser Konstellation eine Show zu produzieren war tatsächlich meine Idee. Ich fand es immer schade, die „Gurls“ nur bei Mixed Shows oder Club Bookings zu treffen. Genau deshalb wollte ich eine eigene Show für uns alle auf die Beine stellen. Das Konzept ist relativ einfach. Wir haben früher alle gerne mit Puppen gespielt. Jetzt hingegen sind wir die Puppen, die wir selbst kreieren und in sehr unterschiedlichen Nummern auf die Bühne bringen. Und das sogar ohne Make-Up: während der Show gibt es uns „out of drag“ zu sehen – auf einer riesigen LED-Wand.
Philisha: Das Konzept zur Show haben wir zusammen entwickelt. In diesen zwei Stunden Drag gibt es aber nicht nur Live-Spektakel, Outfit- und Perückenwechsel, sondern auch tolle Making-of-Videos und einen Blick hinter die Kulissen.

Und wie kams zum Namen?
Pandora: Doll Haus war von allen Vorschlägen, die wir hatten, der, gegen den keien von uns etwas einzuwenden hatte.

Pandora und Meta, ihr als Dragrace-Abräumer*innen habt gewiss zu einer Erfolgssteigerung beigetragen. Hat sich Doll Haus seit eurem Fernsehauftritt verändert?
Meta: Ich bin seit ein paar Jahren selbstständig mit Drag. Somit war auch schon vor Drag Race einiges los bei mir. Natürlich gibt einem das ganze nochmals einen Push, für den ich sehr dankbar bin. Vor allem kam Interesse aus dem Ausland und der eigene Marktwert stieg. Doll Haus ist im Sommer vor der Ausstrahlung von Drag Race Germany entstanden und hatte Premiere während die Serie gerade lief. Ich möchte hier auch anmerken, dass dadurch andere Queens aus unserem Cast mehr Arbeit als Pandora und ich übernommen haben. Vor allem Ryta Tale hat da einiges an harter Arbeit in die Show investiert.
Pandora: Es hat sich vieles andere geändert, aber nicht Doll Haus. Wir haben eine super Dynamik und eine sehr unterstützende Fangemeinde, die auch davor schon treu war und brav immer alle Tickets gekauft hat.

Gibt es vermehrtes Konkurrenzdenken oder gar Eifersucht durch das Fernsehformat untereinander?
Philisha: Konkurrenzdenken gibt es absolut nicht. Ich persönlich arbeite sehr gerne mit meinen Kolleginnen zusammen. Jede hat ihre Stärken und genau dadurch können wir voneinander lernen.
Grazia: Nein. Wir sind bereits vor Drag Race Germany alle gut gebucht gewesen und jede hat ihre einzigartigen Talente. Da nimmt keine der anderen etwas weg. Neid macht hässlich. Es gibt Platz für alle von uns.
Ryta: Ich finde, mit Meta und Pandora haben wir zwei würdige Repräsentant*innen geschickt, die gezeigt haben, dass man Österreich in Sachen Drag nicht unterschätzen sollte.

Pandora. Alle Drag-Race-Franchises wurden unlängst komplett eingestellt. Wie fühlt es sich an, die eventuell einzige Miss Germany in diesem Zusammenhang zu sein?
Pandora: So sehr ich es genieße, die absolute Alleinherrschaft zu besitzen, habe ich immer noch die Hoffnung auf eine zweite Staffel, weil es noch so viele talentierte Drag-Artists aus Österreich gibt, die so viel zeigen könnten in diesem Format!

Hat sich eure Fanbase seit Drag Race verändert?
Grazia: Für mich hat sich gar nichts geändert und ich glaube, für die „DRG-Gurls“ auch nicht. Außer dass sie mehr im Ausland zu tun haben und viel mehr Follower auf Instagram bespaßen müssen. Die Shows, die wir davor bespielt haben, sind schon vorher gut gelaufen.

Wird euch Drag Race Germany fehlen, vor allem im Hinblick auf etwaige Bewerbungsideen für die nächste Staffel?
Pandora: Nein.
Grazia: Nein. Meta und Pandora haben uns so gut vertreten, dass ich Angst hätte, bei der nächsten Staffel dabei zu sein. Wobei ich mich gar nicht so für das Format als Kandidatin interessiere. Es war aber so schön, den beiden auf ihrem Weg zuzuschauen. Ich habe so sehr mitgelitten, geweint und mitgefiebert wie eine Mutter. 
Ryta: Ich muss gestehen, dass ich mich relativ gut vorbereitet habe auf die nächste Castingrunde. Einige „Custom Outfits“ hängen gerade im Kleiderschrank und warten nur darauf, getragen zu werden.
Philisha: Laut Medien gibt es vorerst keine weitere Staffel. Falls es dennoch dazu kommen sollte, wäre ich mehr als motiviert mitzumachen und zu zeigen, was ich alles drauf habe. Drag ist vielseitig.
Grazia: Nein. Meta und Pandora haben uns so gut vertreten, dass ich Angst hätte, bei der nächsten Staffel dabei zu sein. Wobei ich mich gar nicht so für das Format als Kandidatin interessiere. Es war aber so schön, den beiden auf ihrem Weg zuzuschauen, ich habe so sehr mitgelitten, geweint und mitgefiebert wie eine Mutter. 

Österreich ist nicht für seine besonders linke Regierung bekannt. Wie stark ist der rechtskonservative Druck gegen queere Kunst und euch persönlich?
Ryta: Der Druck wird natürlich immer größer. Ich bin in der glücklichen Lage, dass es sich auf meine persönliche Erfahrung bisher nicht wirklich ausgewirkt hat. Aber es sitzt einem schon irgendwie im Nacken. Es gilt weiterhin: We are queer! We are here! And we are going nowhere!
Grazia: Österreich wird schon lange konservativ regiert. Mittlerweile sind die Parteien der Mitte auch schon auf der rechten Überholspur mit ihren Slogans. Heuer wird in Österreich wieder eine neue Regierung gewählt. Vielleicht überholen sie dann die Rechts-rechten. Ich persönlich spüre es nicht, aber man darf da nicht wegschauen. In fast jeder Moderation finde ich zumindest einmal einen Moment, wo ich den Rechtsruck zum Thema mache.  Auch wenn ich jetzt nicht direkt diskriminiert werde. Aber meine Transfreund*innen und PoC betrifft es ohne Zweifel. Deshalb niemals leise sein!
Meta: In der „Kinderbücher-Debatte” habe ich schon ganz schönen Druck gespürt und war etwas eingeschüchtert von dem massiven Hass. Ich habe zwar selbst nie etwas mit Kindern zu tun gehabt, jedoch war der Angriff klar an uns alle gerichtet. Als ich dann den Protesten beigewohnt habe und meine Plattform verwendet habe, mich über das Thema auszusprechen, ist mir aufgefallen, wie viele Menschen uns einfach nur zum Schweigen bringen wollen, weil sie uns nicht verstehen. Und genau deshalb kämpfen wir für unsere Rechte und sind so sichtbar wie möglich.
Pandora: Das ist ganz logisch erklärbar (ich scheiße übrigens gerne klug):
Die Formel für Druck ist ja P=F/A (P ist der Druck, F die Kraft, und A ist die Fläche, auf die der Druck ausgeübt wird). Wenn A gleich Null ist, kann man quasi keinen Druck berechnen bzw. ausüben, weil man nicht durch Null dividieren kann. Es kann also nur so viel Druck ausgeübt werden, wie viel man zulässt!

Wo will das Doll Haus zukünftig hin? Plant ihr eine Tour?
Ryta: Wir planen gerade weitere Termine für das restliche Jahr. Mehr können wir glaub ich noch nicht verraten. Tour wird aufgrund der technischen Anforderungen allerdings schwierig, wäre aber richtig geil!
Pandora: Aktuell sind wir mit der Resonanz mehr als nur zufrieden und, wie Ryta schon sagt,  haben wir bereits zusätzliche Termine geplant. Vielleicht wird es eine zweite Edition geben, vielleicht auch eine Tour, wer weiß. Bei einer Tour will ich aber auf jeden fall mit Philisha in einem Zimmer liegen und es muss eine Regel fürs Klo im Tourbus geben. 

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?
Ryta: Ich wünsche uns, dass die Kunstform Drag in den nächsten Jahren weiter an die Oberfläche getragen wird und auch von traditionelleren Kunstformen, wie Theater, ernster genommen wird. Vielleicht stehen wir ja mal auf der Bühne im Burgtheater.
Grazia: Ich wünsche mir ein Doll Haus 2.0 oder andere Projekte mit diesen begabten Künstler*innen und dass wir der Welt weiterhin zeigen können, wie divers Drag ist und sein kann.
Meta: Viele von uns haben eigene Veranstaltungsreihen, Podcasts und Solos. Ich hoffe, dass viele unserer Gäste, die wir bei Doll Haus dazugewonnen haben, uns auch auf dem weiteren Weg unterstützen und die Freude an Drag auch mit anderen teilen! 

 

Danke an alle fünf Püppchen in dieser glamourösen Stube.

Pandora Nox
© Bild: Elias Hartmann
Grazia Patricia
© Bild: Elias Hartmann
Metamorkid
© Bild: Elias Hartmann
Philisha Conditioner
© Bild: Elias Hartmann
Ryta Tale
© Bild: Elias Hartmann